GROSSTAGUNG ASM und KSL—KULTURELLE VIELFALT ALS PÄDAGOGISCHE CHANCE
Als großer Erfolg kann auch heuer die Großtagung
der beiden Lehrerverbände bezeichnet werden, die am 2. September 2011 in
Bozen im Konzerthaus Joseph Haydn und in Brixen im Forum stattfand und auf der
Walter Lorenz, Rektor der Universität Bozen, über kulturelle Vielfalt
als pädagogische Chance referierte.
Maria Luise Muther ging als Vorsitzende des ASM in ihren Grußworten auf
aktuelle Probleme der Lehrerschaft ein: Es gelte, die nicht unumstrittene Schulreform,
die auch unter dem Vorzeichen des Sparzwangs in die Wege geleitet worden sei,
umzusetzen. Kollegen und Kolleginnen seien aufgefordert, Punkte anzusprechen,
die noch nicht zufriedenstellend gelöst seien.
Besonders gehe es um Lehrpersonen, die im Zuge der Umstrukturierungen um ihren
Arbeitsplatz bangen müssten und um jene, die seit Jahren auf einen unbefristeten
Arbeitsplatz hofften. Die Schule braucht motivierte Lehrkräfte und fehlende
Zukunftsperspektiven sind alles andere als motivierend – so Maria Luise
Muther.
Auch in die Entscheidung um den Schulkalender müssten die Vertreter/innen
der Lehrpersonen eingebunden werden, daher brachte sie den Standpunkt des ASM
noch einmal deutlich zum Ausdruck: Vereinheitlichung des Jahresschulkalenders
ja -zumindest für die Unterstufe - die Verteilung der wöchentlichen
Unterrichtszeit sollte jedoch den autonomen Schulen unter Berücksichtigung
der Bedürfnisse vor Ort überlassen werden.
Auch Landesrätin Kasslatter Mur äußerte sich zum umstrittenen
Thema Schulkalender und betonte, dass es bald eine Lösung brauche.
Schulamtsleiter und Ressortdirektor Peter Höllrigl sprach sich für
klare Entscheidungen in den nächsten Wochen aus, weil es gelte, Irritationen
vom Schulalltag fernzuhalten. Weiters ging die Landesrätin auf die Stellensituation
ein: In Südtirol gebe es in einigen Fächern wie Italienisch, Englisch
und Integration in der Mittelschule sowie in den technischen Fächern der
Oberschule Lehrermangel, während es in den literarischen Fächern oder
Rechtskunde in den Oberschulen zu viele Anwärter gebe.
Peter Höllrigl betonte, Bildung müsse für alle Menschen zugänglich
sein und verwies auf den Referenten, indem er die Vielfalt in der Schule aufzeigte:
von der sprachlichen bis hin zur Vielfalt bei den Begabungen.
Die Pädagogik – so Walter Lorenz – hat grundsätzlich eine
soziale Dimension. Es gehe immer um das Individuum, das in der Gemeinschaft
für das Zusammenleben in Gemeinschaft erzogen werde. Die Gesellschaft habe
erkannt, dass mit dem System Schule ein wesentlicher Aspekt der sozialen Integration
abgesichert werde und habe eben aus diesem Grund in die Schule investiert.
Solidarität und Identität sind für Lorenz nichts Angeborenes,
sondern müssten erworben werden. Die Schule habe die Aufgabe der Findung
einer tragfähigen Identität. Nur in der Identität mit anderen
könne das Wesentliche der eigenen Identität begriffen werden und nur
in der Begegnung mit anderen lerne man auch andere Kulturen kennen. Im Bereich
der Migration habe die Pädagogik keinen Sonderauftrag zu erfüllen,
sondern sie sei in ihrem Kern gefordert. Die Pflege der kulturellen Vielfalt
sei Ziel, doch erschöpfe sich dieser Auftrag nicht im Feiern von Festen
und durch das Verkosten von fremden Speisen.
Dieses bestehe nämlich auch darin, den Gegenstand zu bearbeiten und vor
allem in der Herstellung von sozialen Beziehungen. Dass dabei auch negative
Reaktionen entstehen würden, sei normal und anzuerkennen. Viele Jugendliche
fühlten sich – so Lorenz - diesbezüglich nicht ernst genommen.
Fragen der Grenzziehung müssten aber notwendigerweise zum Ausdruck kommen.
Es gehe darum, den Unterschied zwischen Vielfalt und Beliebigkeit, zwischen
Heimatliebe und Rassismus aufzuzeigen. Gelingen könne dieser Auftrag nur,
wenn Politik und Schule gemeinsam handelten und die Politik positive Rahmenrichtlinien
schaffe.
rml