ASM BESUCH ZUR 54. KUNSTBIENNALE VON VENEDIG
Die Großschau ist wie immer ein Publikumsrenner. Sie ist
im philosophischen Positivismus begründet und hat als Ahne die Weltausstellungen.
1851 ist mit der Ausstellung „aller Waren“ im Kristallpalast in
London der Start. Heute existieren sie als EXPO erfolgreich weiter. Nach Shanghai,
Südkorea, ist Mailand dran und vorwegnehmend, wird Italien dann wohl mehr
zeigen müssen als auf dieser Biennale.
Auf jeden Fall florieren die Großausstellungen und noch bevor Venedig
- die älteste, 116 jährig schließt, sind schon Istanbul und
Lyon dran.
Die schweizer Kuratorin Bice Curiger der diesjährigen Kunstbiennale genießt
hohes Ansehen: Ihre Kunstzeitschrift Parkett hat Kultstatus, sie leitet erfolgreich
das Kunsthaus Zürich, gibt in London das Tate etc. heraus, sitzt unter
anderem in der Jury für den Turnerpreis…kurzum, sie sitzt am Hebel.
Die sehr zurückhaltend wirkende Chefkuratorin arbeitet aber auch im direkten
Kontakt mit den Künstlern und entwickelt daraus ihr kuratorisches Vorgehen.
Für Venedig erdachte sie sich das Kontextthema ILLUMInations ; ein Wortspiel
aus “illuminazione” und “nazioni”; ein Konzept, das
Zuordenbarkeit und assoziative Tragweite ermöglicht. Sie formuliert ihren
kuratorischen Anspruch mit „Sichtbarmachen und Beleuchten der aktuellen
Kunstproduktion“.
Dafür wählte sie 83 Künstler aus, die im Palazzo delle Esposizioni
und im Arsenale gezeigt werden. Kunsthistorischer Ausgangspunkt ist der manieristische
Altmeister Venedigs Jacopo Tintoretto. 3 seiner berühmten Werke mit waghalsigen
Lichteffekten hängen streng bewacht im gedimmten Licht am Eingang des Großpavillons,
dem Palazzo delle Esposizioni, in den Giardini; sie leiten zur Gegenwartskunst
über. Der Anteil der Künstlerinnen ist bei 40 Prozent. Erstaunlich
ist der hohe Anteil sehr junger Künstler.
Die 54. Biennale weist heuer mit 89 teilnehmenden Nationen (77 bei der letzten
Edition) eine neue Rekordzahl auf. Zum ersten Mal dabei sind Länder wie
Andorra, Saudi Arabien, Bahrain, Bangladesch und Haiti; andere wie Indien oder
Kuba sind wieder dabei. Die Idee der ausstellenden Nationen hat dadurch wieder
eine Aufwertung erlangt, wobei es ihr weniger um nationale Zugehörigkeit
geht, sondern um das weltumspannende Kunstnetz. Der/Die Künstler/in ist
eben nicht mehr ortsgebunden, sondern agiert wie ein Nomade; leistet gegen die
alltägliche Globalisierung Widerstand. Diese Einstellung fordert die Konventionen
des Kunstbetrachtens heraus und sucht einen offenen Dialog mit dem Publikum.
Allen Künstlern hat die Kuratorin gerade deswegen 5 Fragen zur Identität
gestellt:
1) Is the art community nation? 2) How many nations are inside you? 3) Where
do you feel at home? 4) Which language will the future speak? 5) If art were
a state, what would its constitution say?
Sonst bietet die diesjährige Biennale als wichtigstes Statement das Fehlen
der Malerei, die Vorherrschaft von Objektkunst und skulpturaler Installation
sowie ein stärkeres Interesse der Kuratorin an Fotografie und Videokunst.
Zu vermerken ist, dass so einige KünstlerInnen, die im Museion-Bozen kürzlich
ausgestellt haben auch bei dieser Biennale mit dabei sind (M.Bonvicini, A.Wekua,
G.Kuri); was gleichsam für die ajournierte Arbeit des Museion steht. Die
Direktorin Letizia Ragaglia war auch in der Auswahlkommission dieser Biennale.
Dario Pinton führte uns auch heuer wieder durch die Giardini und das Arsenale.
Er verwendete bipolare Denkkategorien wie Ordnung und Chaos, Emotion und Ratio.
Seine Sichtweisen gingen weit über das bloß Informative hinaus und
animierten zur Reflektion. Die sehr unterschiedlichen Poetiken konnten so über
einen gedanklichen Überbau ergründet oder zumindest angedockt werden.
Bei einer so großen Anzahl von Kunstwerken ist die Führung durch
das Biennalegelände unverzichtbar um die kuratorischen Intentionen überblicksartig
zu bewältigen.
Ein Blick in die Ausstellung:
Ort: Giardini, Palazzo delle Esposizioni
Maurizio Cattelans (*1960) „Turisti “, bereits aus dem Jahr 1997,
sitzen 2000 Tauben überall herum und scheinen das Treiben der Biennale
auf witzige Weise zu kommentieren. DAS INSTITUT, bestehend aus Kerstin Brätsch
(*1979) und Adele Röder (*1980), ist mit riesigen, abstrakten Gemälden
und farbiges Plexiglas vertreten. Dabei nehmen die beiden Künstlerinnen
aber auch den Kunstmarkt und seine ökonomischen Bedingungen mit ihren Produkten
aufs Korn. Cindy Shearman (*1954) tritt wieder einmal in verschiedenen Rollen
auf. Im anschließenden Raum kann man interaktiv werden: mit färbigem
Plastilin die Wand verkleben; Peter Fischli & David Weiss setzen den magisch
leuchtenden Mond über eine Serie von streng geometrischen Figurationen.
Einige Nationalpavillons: der deutsche Pavillon mit der Überschrift EGOmania
kürt den 2010 verstorbenen Chistoph Schlingensief, der hier seinen eigenen
Tod inszenieren durfte. Im französischen Pavillon wird Geburt und Tod gleichzeitig
im Zufallsprinzip durch eine Maschinenkonstruktion dargestellt. Interessant
auch der schweizer Pavillon, wobei der rebellische Politkünstler Thomas
Hirschhorn eine Art „Kristallwelt“ inszeniert; vor dem amerikanischen
Pavillon wird auf einem umgeworfenen Panzer, täglich Sport betrieben: der
Kettenantrieb wird zum Laufband…
Ort: Arsenale
Eines der witzigsten Kunstwerke der Biennale ist Urs Fischers (*1973) Beitrag
– drei Wachskerzenfiguren, die langsam herunterbrennen, eine davon eine
Reproduktion von Giovanni Bolognas „Der Raub der Sabinerinnen“ (1583).
Dem Bildnis des befreundeten Künstlers Rudolf Stingel, ein Bürostuhl.
James Turrells (*1943) Lichtinstallation „The Ganzfeld Piece“ ist
mystisch-ätherisch wie immer (wenn auch wenig überraschend), Rosemarie
Trockels (* 1952) Beitrag wirkt hingegen etwas trocken. Der Südafrikaner
Nicholas Hlobo (*1975) hängt mit „limpundulu Zonke Ziyandilandela“
(2011) einen mythischen Vampirvogel aus den traditionellen Gesängen der
Xhosa – als Reminiszenz an „Die Erschaffung der Tiere“ von
Tintoretto. Die Absenz von Licht thematisiert Roman Ondák (*1966) mit
seiner „Time Capsule“, dem Nachbau der Rettungskapsel aus Chile,
mit der 33 Minenarbeiter nach zwei Monaten in Dunkelheit wieder ans Tageslicht
befördert wurden.
Eine der malenden „Ausnahmen“ ist Corinne Wasmuht, deren komplexe
Raumgebilde, Orte von ineinander verschachtelten Begegnungen und Handlungen
sind. Jean-Luc Mylaynes Fotografien wirken zwar wie Momentaufnahmen aber dies
täuscht: Seit 30 Jahren nimmt er nur Vögel auf. Er gibt in seinen
Bildtiteln immer die Dauer der Bildentstehung an. Folglich bedeutet „Avril
Mai 2005“, dass er insgesamt zwei Monate benötigte -von der Wahl
des Ortes über den Aufbau des Apparates bis zum Warten auf den tierischen
Protagonisten, um diese Aufnahme zu machen.
Eine neue Idee ist jedenfalls das Einführen von sog. Para-Pavillons, für
die vier Künstler Räume schufen, in denen wiederum Werke von anderen
Künstlern ausgestellt werden. Damit ist der jüngsten Entwicklung Rechnung
getragen, in der KünstlerInnen zu KuratorInnen und v.a. RaumschöpferInnen
wurden. Monika Sosnowska, Franz West, Song Dong und Oscar Tuazon wurden eingeladen,
Konzepte zu entwickeln. Franz West kopierte seine Küche und Song Dong brachte
sein sein ca. 100jähriges Elternhaus nach Venedig.
Nun noch der obligatorische Gang zum italienische Pavillon. Dieser stand von
Anbeginn unter Beschuss: Der „Kurator“ Vittorio Sgarbi eröffnete
den Nationalpavillon mit der italienischen Pornodiva Vittoria Risi. Sie wälzte
sich splitternackt auf glitschigen Gummischläuchen… dazu passend
im „padiglione“ die Porträts von S. Berluschoni und V. Sgarbi
in schillernden Farben; rundherum ein Sammelsurium von 260 Werken unterschiedlichster
Qualität. Bekannte und völlig unbekannte Künstler/innen treffen
aufeinander. Die New York Times sprach von „heillosem totgeborenen Ramsch“.
Lapidar ist hier die Stellungnahme von italienischen Kunststar M. Cattelan:
„Addio all’arte – basta pupazzi, mi ritiro“.
V.Sgarbi eliminierte die Figur des „mafiösen Kurators“ und
nominierte für die Werkauswahl Philosophen, Literaten, Musiker, Architekten,
Regisseure, Unternehmer… wie U.Eco, S.Segre, E.Morricone, M.Botta, E.Olmi…auch
unser J. Zoderer ist mit L.Anvidalfarei dabei. Nun sind sie, die ihre Favoriten
und Freunde auswählten.
Auszeichnungen:
Goldene Löwen für ihre Lebenswerke erhalten heuer Elaine
Sturtevant und Franz West.
Der Goldene Löwe für den besten Künstler geht an Christian Marclay
(USA, *1955) für die Arbeit „The Clock“ (2010), in der er aus
einer Unzahl von Hollywoodfilmen genau jene Sequenzen zusammengeschnitten hat,
die das Ablesen der aktuellen Zeit ermöglichen.
Der Silberne Löwe für einen vielversprechenden jungen Künstler
geht an Haroon Mirza (GB, *1977), der die Wahrnehmung von Geräuschen, Sound
von der visuellen abspaltet.
Den Preis für den besten Pavillon errang heuer Deutschland mit seiner Hommage
an den vor kurzem verstorbenen Christoph Schlingensief und der Installationen
„Kirche der Angst“.
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