ASM BEI TRINATIONALER KONFERENZ IN ZÜRICH

Nach der Vermittlung der Kontakte zur PH Burgenland und den Möglichkeiten, die sich für Lehrpersonen durch die Zusammenarbeit mit dieser Institution ergeben, war die Teilnahme am „Trinationalen Treffen“ meine letzte Aufgabe als ehemalige Vorsitzende des ASM. Das Trinationale Treffen wird mehrmals pro Jahr von dem Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer LCH, dem bundesdeutschen Verband Bildung und Erziehung (VBE) und der österreichischen Gewerkschaft Öffentlicher Dienst GÖD organisiert und dient dem Vergleich der Lehrer-(innen)arbeit in diesen deutschsprachigen Ländern sowie Absprachen und gemeinsamen Aktionen.
Beat Zemp, der Vorsitzende des LCH, hat mich für den 31. Mai 2010 nach Zürich eingeladen, damit ich das Berufsbild der Lehrerinnen und Lehrer Südtirols dort vorstelle.
Zugleich war dieses Treffen für mich aber auch ein überaus spannendes und wichtiges und ich glaube, es wäre für den ASM durchaus interessant, diese Kontakte auch weiterhin zu pflegen.

Der Austausch am 31. Mai umfasste die verschiedensten Punkte, für Südtirol und den ASM am interessantesten erscheint mir folgender Aspekt, der den breitesten Raum in der Diskussion einnahm:
Verbesserung der Attraktivität des Lehrerberufs in den deutschsprachigen Ländern
VBE, LCH und GÖD verabschiedeten einstimmig die Züricher Erklärung, welche die Politik dazu auffordert, einerseits die Attraktivität des Lehrerberufs zu erhöhen – in allen drei Ländern ist nämlich ein beträchtlicher Lehrermangel absehbar -, andererseits aber auch eine entsprechende fachliche und pädagogische Qualifizierung zu garantieren und nicht einfach Notmaßnahmen zu ergreifen und nicht adäquat ausgebildete Kräfte in den Schuldienst einzustellen.

Ein wichtiger Befund zur Berufsattraktivität findet sich in der Arbeitszeitstudie des LCH. Im Frühjahr 2008 veranlasste der LCH zum zweiten Mal nach 1999 eine Arbeitszeiterhebung bei seinen Mitgliedern. Die online durchgeführte Befragung erfolgte in den zwölf Monaten Oktober 2008 bis September 2009 in 20 deutschsprachigen Kantonen. 5.118 Lehrpersonen aller Stufen protokollierten während je einer Woche ihre Arbeitszeit. Nach der Plausibilisierung der Daten standen 4.964 Datensätze für die Analyse zur Verfügung (4.411 Lehrpersonen, 343 Schulleitungen und 210 schulische Heilpädagogen und Heilpädagoginnen).
Dr. Anton Strittmatter präsentierte die Erkenntnisse und Forderungen aus der Arbeitszeitstudie 2009. Die Studie macht deutlich,
• dass die Arbeitszeit der Lehrpersonen seit 1999 um 7 % gestiegen ist;
• dass eine Lehrperson eine mittlere Jahresarbeitszeit von 2.071 Stunden hat;
• dass Lehrpersonen drei Wochen pro Jahr „gratis“ arbeiten.
Eine weitere Erkenntnis war, dass eine große Mehrheit der Lehrpersonen – nämlich 62 % – Teilzeit arbeitet. Lehrpersonen reduzieren ihr Pensum, oft um ihren eigenen, hohen Ansprüchen an guten Unterricht genügen zu können. In der Öffentlichkeit wird der Lehrerberuf als Teilzeit-Beruf wahrgenommen. Teilzeit-Lehrkräfte leisten relativ und absolut mehr Überzeit. Das System verlässt sich auf diesen ethisch/arbeitsrechtlich unhaltbaren Mechanismus.

Die Forderungen des LCH lauten:
• Senkung der Pflichtpensen (ist für die Schweiz zentral, gilt für Südtirol so nicht).
• Realistische und sauber ausgearbeitete Zeitbudgets für die einzelnen Tätigkeitsbereiche, auch bei neuen Projekten.
• Stärkung (Stundendotation) der Kernbereiche Unterricht, Vor- und Nachbereitung, unterrichtsbezogene Zusammenarbeit/Koordination sowie Planung.
• Überprüfung und Bereinigung „peripherer“ Aufgaben durch Arbeitgeber und Schulleitung.
• Wiederherstellen einer gerechten und konkurrenzfähigen Besoldung (indirekte Einwirkung auf Teilzeit-Ungerechtigkeit und Männerflucht).

Außerdem präsentierte der LCH die Studie Salärvergleich Löhne Lehrerberufe – Privatwirtschaft. Die Befunde aus der Studie sind äußerst deutlich und die in den letzten Jahren immer wieder durch den LCH ins Feld geführten Rückstände keinesfalls übertrieben. Der Salärvergleich zeigt, dass für anforderungsgleiche Arbeiten, bei gleichwertiger Ausbildung und gleichem Alter in der Privatwirtschaft deutlich mehr Lohn bezahlt wird. Der aktuelle und für die nächsten Jahre prognostizierte Lehrermangel ist hausgemacht. Während die Ausbildungsanforderungen in den vergangenen Jahren erhöht wurden, sind die Löhne in den Keller gesunken und der Nachwuchs reagiert. Laut Bildungsbericht 2010 werden heute an den Pädagogischen Hochschulen nur halb so viele Lehrpersonen ausgebildet, wie es brauchen würde, um die offenen Stellen zu besetzen. Die Einstiegslöhne sind gemessen an den Anforderungen deutlich zu tief. Während die meisten Hochschulabsolventen ihre Arbeit in Assistenzfunktionen erlernen können, sind die Anforderungen an Lehrpersonen und die zu tragende Verantwortung vom ersten Schultag an ohne jegliche Schonfrist äußerst hoch. Lehrpersonen sind gut ausgebildete Hochschulabsolventen, die eine höchst anspruchsvolle Arbeit ausführen. Trotzdem haben sie kaum Karrierechancen und eine bescheidene Lohnentwicklung.
Die Untersuchungen, welche der LCH von prominenten Unternehmen hat durchführen lassen, lassen sich nicht 1:1 auf die Situation in Südtirol anwenden, trotzdem sind Aspekte mit dabei, die auch für unser Land und in unserem Land erwogen und abgewogen werden müssen.
Das Berufsbild der Lehrerinnen und Lehrer ist kein Papier, das, übrigens auch in Zürich mit viel Lob versehen, in irgendwelchen Schubladen verschwinden sollte. Das Berufsbild wird tagtäglich „gemacht“ und weiter geschrieben, von den Lehrpersonen selbst mit und in ihrem Tun, aber auch von Gesellschaft und Politik, mit den Bedingungen und Grundlagen, die sie für diesen Beruf schaffen wollen.

Martina Adami
(und Auszüge aus dem Tagungsprotokoll)

Und ein dazu passender Lesetipp:
Die Aussicht auf einen Fernsehabend mit Sally stellte Alfred zufrieden.
Als mir die Schulbibliothekarin Arno Geigers neuen Roman empfahl, war ich etwas skeptisch. Ein 364 Seiten langer Eheroman? Doch Arno Geiger gelingt hier etwas ganz Besonderes: Er entwirft, mal ernsthafter, mal ironischer, in wechselnder, großartig eingesetzter Figurenperspektive ein zugleich erheiterndes und nachdenklich stimmendes Bild modernen Beziehungsverständnisses. Und für Lehrpersonen ist noch etwas Hochinteressantes dabei: Sally, eine der beiden Hauptfiguren, ist Englischlehrerin. Allein die Passagen, in denen der Lehrer(innen)beruf heute dargestellt und reflektiert wird, sind die Lektüre dieses Romans wert.
(Arno Geiger, Alles über Sally, München: Hanser, 2010)