„DIE WELT IST FLACH GEWORDEN“
ASM - und KSL - Großtagung - erstmals in Bozen und Brixen
Die Entscheidung die Veranstaltung wegen
der zahlreichen Teilnehmer in den vergangenen Jahren an zwei Orten stattfinden
zu lassen, war ein voller Erfolg: 2000 Lehrer/innen aller Schulstufen –
so viele wie noch nie - verfolgten am 2. September zum Auftakt des neuen Schuljahres
das Referat von Peter Frey, der über Werte sprach: über Fragen, welche
Bedeutungen Wurzeln und Bindungen heutzutage haben und welchen Einfluss der
Zeitgeist auf die Erziehung junger Menschen hat.
Maria Luise Muther (ASM) und Sonja Spornberger (KSL), die Vorsitzenden der beiden
Lehrerverbände begrüßten neben allen Lehrkräften auch Ehrengäste
aus Politik und Verwaltung.
Landeshauptmann Luis Durnwalder (Bozen) betonte in seinen Grußworten die
Bedeutung von Bildung für die Entwicklungschancen junger Menschen und setzt
auf Zusammenarbeit sowie auf offene, sachliche Mitarbeit bei der Lösung
anstehender Fragen.
Landesrätin für Bildung und deutsche Kultur Sabina Kasslatter Mur
(Brixen) ging in ihrem Statement auf die anstehende Regelung der Lehrerausbildung
ein und zeigte Verständnis für die Belange der Lehrkräfte.
Die deutsche Bundesministerin für Bildung und Forschung Annette Schavan
(Brixen) bezeichnete den Lehrerberuf als den ältesten, schönsten und
schwierigsten Beruf und wünschte allen viel Kraft und Freude.
Schulamtsleiter Peter Höllrigl sprach von der Baustelle „Schule“
und wie wichtig es sei, für die Lehrer/innen förderliche Rahmenbedingungen
zu schaffen, sie seien schließlich neben den Schüler/innen die Hauptakteure
in der Schule. Er wünscht sich eine Informationskultur, die Lehrpersonen
als erste in Entscheidungsprozesse mit einbeziehe.
Maria Luise Muther regte an, kritisch darüber nachzudenken, ob der Sparstift
eine der wichtigsten Errungenschaften der demokratischen Gesellschaft, nämlich
gleiche Bildungschancen für alle, aushöhle. Sie betonte, dass die
Attraktivität des Lehrerberufes nicht in erster Linie – aber eben
auch mit gesicherten Arbeitsverhältnissen und mit finanzieller Absicherung
zu tun hätten und forderte die Verantwortlichen aus Politik und Verwaltung
auf, sich um Ausgewogenheit von inhaltlichen und wirtschaftlichen Aspekten zu
bemühen.
Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung in Bozen und Brixen von der Gruppe
„Opas Dirndl“, die für ihre Spontanität und Kreativität
begeisterten Applaus ernteten.
Peter Frey, seit 1. April Chefredakteur des ZDF und in Südtirol durch die
Moderation von „Berlin direkt“ bekannt, enttäuschte alle, die
sich fertige Konzepte erwarteten. „Niemand kann heute Werte vorschreiben!“
Kirche, politische Organisationen und gesellschaftliche Gruppen hätten
sich aus der Verantwortung zurückgezogen. Der Einzelne sei heute mehr als
in früheren Zeiten auf sich selbst gestellt und die Grenze zwischen Freiheit
und Verantwortung müsse neu definiert werden. „Wir alle müssen
aushalten, dass es auf die Probleme unserer Zeit keine einfachen Antworten gibt.“
Trotz allem bleibt Peter Frey Optimist und betont, dass Pessimismus nicht angebracht
sei.
Optimismus statt Pessimismus
Ein Indiz für eine neue Werteentwicklung sieht Peter Frey in einer neuen
globalisierten Nachbarschaft:„Die Welt ist durch die neuen technischen
Möglichkeiten näher zusammengerückt. Menschen in aller Welt verfolgen
heute das Schicksal der eingeschlossenen Knappen in Chile als wären es
ihre Nachbarn, unterstützen Haiti, die Opfer des Tsunamis und die Flutopfer
in Pakistan“.
Doch ist die Welt gerade durch diese Annäherung flach geworden –
so formuliert es Thomas L. Friedman, ein amerikanischer Journalist. Die Begegnung
mit dem Fremden sei früher tiefer gewesen. „Fernsehen und Internet
bringen uns die Welt nach Hause und umgekehrt das „zu Hause“ in
die Welt. So entsteht die Frage, ob wir uns auf das Fremde noch einlassen.“
Das gleiche gelte für die Migranten, die in den Westen kämen. Überhaupt
– so Frey – werde die Frage der Integration eine der wichtigsten
in der Zukunft sein.
„Ein Umdenken hat auch in den Formen des Zusammenlebens stattgefunden.“
Die traditionelle Familie habe sich gewandelt, es gebe einen neuen Begriff von
Bindungen und Beziehungen. Neue Werte hätten längst allgemeine Akzeptanz
gefunden. Man denke an die Lebenswirklichkeit von Spitzenpolitikern, in denen
Scheidungen und Homosexualität so selbstverständlich seien wie in
allen anderen Gesellschaftsschichten.
Die Emanzipation der Frau habe auch dem Mann neue Chancen eröffnet, indem
er zu neuen Rollen gefunden habe.
Einen neuen Wert erkennt Peter Frey auch im neuen Verständnis für
ökologisches Bewusstsein und für Heimat.
„Man ist heute zur der Auffassung gelangt, dass Baudenkmäler aus
der Vergangenheit mit Heimat zu tun haben und Halt geben und daher erhalten
werden sollen. Die ökologische Bewegung, die sich aus einer Protestbewegung
der 70-Jahre entwickelt hat, ist nun gesellschaftlich verankert. Man erinnert
sich auch der Verfolgungen des Faschismus und Nationalsozialismus. Es gibt in
der letzten Zeit viele Schulklassen, die sich mit der Vergangenheit beschäftigen,
mit den Spuren von Vertreibung. Es gibt eine neue Erinnerungskultur.“
Wenn man von Werten spricht, müsse man auch von Respekt und Verantwortung
sprechen – so Peter Frey. Verantwortung tragen heißt Antwort geben:
Wir müssen Antwort geben auf die Fragen und Lehrkräfte auf die Fragen
von Kindern.
Der Referent erntete großen Applaus.
Peter Frey spricht nicht nur über Werte, er lebt sie auch. Er verzichtet
auf sein Honorar für seine Auftritte in Bozen und Brixen. Die Spenden werden
für einen guten Zweck verwendet. Die Hälfte des Geldes geht an die
Malteser Migranten Medizin in Deutschland, die andere Hälfte wird der MigrantInnenberatung
„Chance“ in Meran überwiesen.
rml
Nachtrag zur Großtagung
Da Frau Landesrätin Kasslatter Mur in Brixen bereits auf meine Überlegungen
vom Vormittag in Bozen reagiert hat, habe ich mir dort meine kurze Rede gespart.
Es hätte einfach nicht gepasst, Fragen in den Raum zu stellen, auf die
bereits geantwortet wurde. Zum „Abrunden des Bildes“ aber hier der
vollständige Text:
Das Thema der heutigen Großtagung „Werte. Was gilt heute“
regt wohl jeden Einzelnen zum Hinterfragen der persönlichen und gesellschaftlichen
Wertvorstellungen an. Es möge uns aber auch dazu anregen, uns nicht nur
zu Beginn des neuen Schuljahres sondern auch in den folgenden Wochen und Monaten
unserer Wertvorstellungen bewusster zu werden und diese auch zu hinterfragen.
Das neue Schuljahr steht in der Oberschule ganz im Zeichen der Schulreform,
deren konkrete Umsetzung zügig vorangebracht werden soll. Es besteht sicherlich
kein Zweifel daran, dass eine Reform der Oberschule längst fällig
ist, tatsächlich ist sie von der Regierung aber vor allem unter dem Aspekt
des Sparens in die Wege geleitet worden, wesentlich weniger aus Gründen
einer durchdachten inhaltlichen Neu- und Umgestaltung. Daher beschäftigen
mich einige Fragen:
• Gleiche Bildungschancen für alle bzw. der Zugang zu Bildung unabhängig
von der sozialen Stellung ist eine Errungenschaft der demokratischen Gesellschaft.
Wie kann diese gewährleistet werden, wenn der Sparstift stets zuerst bei
den öffentlichen Schulen oder im Sozialbereich angesetzt wird?
• Welchen Wert haben die verbalen Beteuerungen über die Notwendigkeit
von guten Bildungschancen für unsere Kinder und Jugendlichen wirklich,
wenn nicht eine inhaltliche Reform sondern der Sparzwang im Vordergrund steht?
• Die Attraktivität eines Berufes hängt nicht allein vom Einkommen
ab, auch die Wertschätzung, die man darin erfährt, trägt wesentlich
zur Zufriedenheit einer Berufsgruppe bei. Welcher Motivationsschub wird Lehrpersonen
mit in den Schulalltag gegeben, wenn die Belastung bzw. die Anforderungen stetig
steigen, das Gehalt aber stagniert oder gar sinkt?
• Wie können junge Menschen motiviert werden, sich in diesem Beruf,
für den eine anspruchsvolle Ausbildung verlangt wird, zu engagieren, sie
aber nach Abschluss derselben auf unabsehbare Zeit mit provisorischen bzw. zeitlich
befristeten Arbeitsverhältnissen zufrieden sein müssen?
• Welche Zukunft hat der Lehrberuf unter solchen Bedingungen?
Eine Fülle von Aspekten, die eine grundsätzliche Frage rechtfertigen:
Welchen Wert haben die Beteuerungen über die Bedeutung von guter Bildung,
wenn die Entscheidungen der Regierung ganz anderes suggerieren?
Ich ersuche daher alle für Schule Verantwortlichen in unserem Land, sich
um Ausgewogenheit von inhaltlichen und wirtschaftlichen Aspekten zu bemühen,
nicht nur in Bezug auf die Oberschulreform, sondern bei der Gestaltung unseres
Bildungsbereiches im Allgemeinen.
Randbemerkung zur Großtagung:
Die beiden Verbände ASM und KSL haben sich sehr bemüht, die Großtagung
so gut als möglich zu organisieren, die Zweiteilung der Veranstaltung hat
sich bewährt, doch der Andrang war übergroß, so dass dennoch
in Bozen nicht allen Teilnehmer Einlass in den Saal gewährt werden konnte.
Die Beschränkung erfolgte einzig und allein aus Sicherheitsgründen!
Die Feuerwehr hat diese zu gewährleisten und zu verantworten. Lauthalse
zum Teil ausfallende Proteste von Lehrpersonen gegen die von den Verantwortlichen
getroffenen Entscheidungen sind meines Erachtens völlig fehl am Platz und
schaden dem Ansehen unserer Berufsgruppe. mlm