Buchrezension
Es musste ja so kommen, und Tschonnie Tschenett ist daran ganz
unschuldig. Nach dem Erfolg der Allgäukrimis von Kobr & Klüpfel,
der Ystad-Thriller um Kommissar Wallander von Henning Mankell, der Island-,
Alpen-, Taunus- und Österreichkrimis war es nur eine Frage der Zeit, bis
auch Südtirol zum Schauplatz einer von Lokalkolorit durchdrungenen Krimiserie
auserkoren wurde.
Der Autor, Ralph Neubauer, lebt im Rheinland, und "arbeitet für die
Justiz in Nordrhein-Westfalen", wie es im Anhang zu seinem ersten Südtirol-Krimi
heißt, was der Grund dafür sein dürfte, dass er einen Kriminalroman
und nicht einen, obwohl derzeit als Genre auch sehr beliebt, Vampirroman geschrieben
hat. Und weil sein Lieblingsreiseziel Südtirol ist, er Land, Leute und
Küche liebt, lässt er hier bei uns morden.
Die Zuneigung für unser Land kommt auf den 278 Seiten seines leicht lesbaren
Erstlings "Rache ist honigsüß" (Athesia-Verlag 2010) auch
klar zum Ausdruck. Wir Südtiroler lieben es, wenn unsere Landschaft, unsere
Speisen und wir selber liebevoll und positiv dargestellt werden, und Ralph Neubauer
verdient sich schon dafür irgendeine unserer Auszeichnungen.
Mit viel Sympathie zeichnet er z. B. Südtiroler Charaktere, die alle schöne
Südtiroler Namen tragen, wie z. B. die Wirtin Brigitte Unterholzner, der
"Polizeiassistent " Eduard Thaler aus dem Sarntal, und natürlich
die fesche, gut aussehende, ungebundene Apothekerin aus dem Ultental, Elisabeth
Trafoier, die dem feschen, gut aussehenden und ungebundenen Commissario Fabio
Fameo, der aus dem korrupten Rom in die tiefste Provinz strafversetzt wurde,
weil er dort zu sehr auf Recht und Ordnung und die Einhaltung der Gesetze gedrängt
hatte, bei der ersten Begegnung auf Seite 42 so sehr den Kopf verdreht, dass
er alle Gesetzesvorschriften hinsichtlich unzüchtiger Handlungen in der
Öffentlichkeit vergisst und am Tag danach, auf Seite 61, mit ihr im Ultental,
"unter freiem Himmel in der freien Natur", das erste Mall schläft.
Wenngleich der Autor freizügig in die Klischeesuppentöpfe über
Südtiroler Fleiß und italienische Arbeitsmoral bei der Polizei greift,
wenngleich manche Passagen an Donna Leon erinnern, wenngleich er hin und wieder
ins Germanendeutsche gleitet, etwa wenn er seine Entscheidung, nach Bozen zu
gehen, als "er hatte beschlossen, es vorerst dran zu geben" beschreibt
oder seine Wohnung als "kleines, mieses, dreckiges Loch ... mitten in der
stickigen Altstadt von Bozen, durch die sich von morgens ab zehn bis abends
um acht Touristenmassen wälzten und nachts die Betrunkenen die hochgeklappten
Bürgersteige entlangtorkelten", wenngleich man ihm einen Lektor wünscht,
der in den Nachfolgekrimis sprachliche Flüchtigkeitsfehler wie "Lichtenstein"
(das Fürstentum für Steuersünder besteht auf ein langes ie) oder
"Er wand sich an Thaler" korrigiert und ihn darauf hinweist, dass
Südtiroler Friseursalons am Montag geschlossen sind und die Kinder und
Jugendlichen im Faschismus keine "Barilla-Uniform" getragen haben,
wenngleich er so eine ironische Buchbesprechung über sich ergehen lassen
muss - seine Charaktere streifen im Laufe der Geschichte ihre Klischeehaftigkeit
etwas ab, gewinnen an Glaubwürdigkeit und werden echt liebenswert. Und
dann ist da noch die Story, das Um und Auf eines Krimis: Die Geschichte, die
er erzählt, ist spannend und originell. Den soeben erschienenen zweiten
Band aus der Reihe, Liebe macht zornesblind, habe ich mir übrigens schon
besorgt.
Übrigens: Im neuen, vorerst nur auf Englisch erhältlichen Brunetti-Roman
von Donna Leon, "A Question of Belief" (Heinemann 2010), kommt Südtirol
auch vor. Die amerikanische Erfolgsautorin schickt ihren Kommissar und seine
Familie auf Sommerurlaub nach Südtirol, und im letzten Kapitel lässt
sie Commissario Brunetti und seine Frau Paola im Hotel Post in Glurns genüsslich
zu Abend essen (Speckplatte, Tagliatelle mit frischen Pfifferlingen und Marillenstrudel
mit Vanillesauce).
mt