RÜCKSCHAU AUF DIE FORTBILDUNGSFAHRT NACH BASEL 23.-25.8.2010

Obwohl diese Fortbildungsfahrt schon länger angedacht war, wurde das Vorhaben durch die Großtagung der Kunsterzieher im März mit der Kunstvermittlerin Eveline Schüep vom Museum für Gegenwartskunst Basel, konkret.
Der Brückenschlag war getan, wir konnten abfahren.
Unser erster Besuch galt der Fondation Beyeler in Riehen, Basel.
Renzo Pianos musealer Bau strahlt Harmonie, Ruhe, Eleganz aus. Eine Porphyr Mauer gibt die Baulänge an, schirmt von der Straßenseite ab. Die transparente Rückseite öffnet zur Landschaft. Der horizontale Bau ist von meisterhafter Einfachheit; vom Oberlicht fällt diffuses Licht auf die Werke. Es braucht keine künstliche Beleuchtung. Alles stimmt bei diesem Bau (mit seiner meditativen Ausstrahlung).
Zum 50.Geburtstag des früh verstorbenen Jean Michel Basquiat entstand eine großartige Retrospektive. Der schillernden Künstlerpersönlichkeit Basquiats wurde die Stille einer unerhört zarten Sehnsucht des ebenfalls verstorbenen Felix Gonzalez-Torres gegenüber gestellt. Konträrer konnte die Zusammenstellung vom Kurator Sam Keller nicht ausfallen. Um mögliche Schnittstellen auszuloten wurden dazu für beide Künstler Referenzwerke aus dem Fundus der Stiftung dazugestellt: Cèzanne, Monet, van Gogh, Picasso, Pollock, Bacon, B.Newman, ein wunderbarer Rothko, die beunruhigenden Standfiguren von Giacometti, die wie Wächter zum Betrachter stehen. Ein spannendes Ping Pong Spiel und eine Herausforderung für den Bildbetrachter, der zum hinterfragenden Betrachter wird.
Urban, schrill, schreiend, anklagend das seismographische Graffiti, oft schmierig abgedeckt mit Farbe, Nummern, Buchstaben, „Niggercodes“, das zur impulsiven Street Art wird. So was würde den Schülern auf Anhieb gefallen; sofort Zugang finden, da sie die unvermittelte Sprengkraft spüren. Der soziale Kontext muss erklärt werden.
Konzeptuell, die Arbeit des Kubaners Felix Gonzales Torres. Seine Lichtketten, goldenen Metallvorhänge, schimmernden Bonbonflächen, reflektieren eine Ironie über den Alltag; und noch etwas, das unbestimmbar bleibt, als Aporie der Kunst umschrieben wird aber sogleich kippt, als „nekrophile Sehnsucht“ entmaterialisiert, wie Musik verweht. In seiner Welt hat die uns bekannte kitschige Lavazza-Himmel TV Werbung bis zur Traurigkeit über den frühen Tod Schubert oder seines Geliebten Ross, alles Platz. Die Poesie kann man nicht verstehen, man muss sie fühlen.
Why? Steht auf dem roten Papierstapel, von dem man sich ein Blatt mitnehmen kann.
Nun zum Rendezvous mit den Damen der Kunstvermittlung am Baseler Museum für Gegenwartskunst: Frau Martina Siegwolf und Frau Eveline Schüep, die uns herzlich begrüßten und sich durch ihre in der Folge, bewiesene Kunstvermittlungskompetenz auszeichneten. Auf der Museumsdachterrasse mit Rheinausblick hörten wir wie Basel zu einer Kunstmetropole wurde, von der Hoffmann-Sammlung. Dann im Museum, von J.Beuys Fasnachtsaktion in Basel, der Aktion Celtic, der Feuerstätte, den umstrittenen J.Beuys Ankauf …anschließend führten sie durch die Rodney Graham Ausstellung. Grahams Arbeiten entstammen aus theoretischen Ansätzen der Umwandlung und Übertragung literarischer, psychologischer, anthropologischer Inhalte, die als Appropriationen, neu konnotiert, durch den ironisch-skurrilen Fleischwolf grahamscher Grammatik durchgetrieben werden. Das Verirren, - Robert Walsers Prägung -, wird hier durch den Parsifal-Mythos erhöht oder durch Büchners Lenz über verschiedenste Medien ausgespielt: Typographie, Film, Objektkunst, Musik, Leuchtkästen, Polaroidfotos…einer Schlittenfahrt mit Ludwig dem XIV (ich sehe wie hier einige Kollegen schmunzeln). Am Eingang, ein riesiger Leuchtkasten à la Jeff Wall mit dem inszenierten Foto, das sofort an eine Kostümdarstellung von Erasmus von Rotterdam erinnert. Erasmus, machte Basel zu einem Humanistenzentrum Europas und dessen berühmtes Holbeinbild im Kunstmuseum hängt. Bei Graham sitzt er umgekehrt auf einem Pferdfragment, liest aus dem Telefonbuch - sein modernistisches Lob der Torheit. Eveline hatte mit Schülern einer Gymnasiumsklasse zur Graham Ausstellung eine „Schüler-audioguide“ erstellt, und verwies auf die vielen Möglichkeiten von Kunstvermittlung.
Eveline begleitete uns zum Schaulager der Basler „Archistars“ Herzog und de Meuron. Die imposante Architektur sollte bereits der Ansicht nach, auf die Lagerung von Kunst verweisen und wirkt wie ein Depot. Die grobe Außenhaut des Baus ist mit dem Aushubmaterial im Rastermuster aufgebaut; dunkel, erdfarben kontrastiert mit dem weißen Eingangsbereich, der als filmische Projektionsfläche benutzt wird und nach Außen mit dem städtischen Umfeld kommuniziert.
Im Innern die verschiebbaren Wände einer Lagerhalle, in Schwindel erregender Höhe, die aufgestapelte Zellenarchitektur, die wie ein riesiges Gefrierfach mit vielen Zellen, anmutet. Ein perfekter Ausdruck schweizerischen Ordnungssinns und Funktionalität: Die Übertragung der Stapelzelle auf ein Uhrwerk.
Unten etwas zerdrückt, Matthew Barney: Vom abgebrochenen Medizinstudium, zum professionellen American Football Spieler, Wrestling Kämpfer und Fotomodell zum Künstler! Sieht man das? Barney stellt in seiner „athletischen Ästhetik“ den Körper, meist seinen Körper, in den Mittelpunkt. In neomanieristischer Künstlichkeit entwirft er alptraumhafte Filmwelten von ungeheuerlicher Schönheit, ohne zwingenden Plot.
Die Figur des Satyrn, gewissermaßen sein Alter Ego, wird ebenfalls neumythisch belegt: Cremaster, so sein Werkzyklus im alchemistischen Verwandlungswahn, ist der Medizin nach ein Muskel, der die Hodentemperatur regelt. Drawing Restraint, ein weiteres Arbeitskonzept, ist die Anstrengung im physischen und geistigen Sinne um den eigenen Widerstand im physischen und geistigen zu überwinden. So wird im Drawing Restraint 18 das Schaulager zum Trampolin für einen inszenierten 28m tiefen Absturz bzw. für eine „durchs Bild fallen“ gestellte Aktion. Die Symbolsprache derer sich Barney bedient ist komplex von Vielheit und Assoziationsfähigkeit geleitet; darüber hat der Ausstellungskurator einen christlich-religiösen „Faktor“ gestülpt was natürlich, „unnatürlich“ ganz im Sinne Barneys, mit Fokus auf dem Effekt, Aufsehen erregend ist.
Letztes etwas forciertes Tagesziel: das Museum Tinguely. Ein gelungener Bau des Mario Botta auf der anderen Rheinseite.
Der Eingang voll gerammt mit Maschinen und Lämpchen, wie im Luna-Park; dann in den oberen Stockwerken den genialen Spott auf die „Maschinenwelt“, auf die Funktionalität. Durch Knopfdruck kann man die Geräte, Maschinen, betätigen sie werden zunehmend zu anthropomorphe Maschinen, die durch etwas Stromzufuhr ihr eigenes Innenleben preisgeben. Sie zittern, vibrieren, kreischen, rattern… Tinguely ist ein genialer Schlosserkünstler, der dem Eisenschrott imstande ist Leben einzuhauchen, ein Eisenschrottdemiurg.
In den Nebenräumen gab es noch eine Art Aktualisierung: Roboterkunst, Computer generierte Elektronikspiele, futuristisch anmutende Bionik-Gebilde.

Die Bildungsreise setzte sich mit dem Besuch der Vitra Design Zentrale in Weil am Rhein fort, wobei der Firmennahme nicht nur auf Designgüte verweist, sondern schon längst hin zum Pilgerort bedeutender Architekturgeschichte geworden ist. Besonders beeindruckte Zaha Hadids „Feuerwehrhaus“ als ein Meisterwerk dynamisch fließender Architektur; gleichzeitig Hadids erster Bau ihrer Erfolgsgeschichte, die schließlich zum Pritzker-Preis führte.
Genauso verblüffend ist die Ausstellungsarchitektur von Herzog und de Meuron.
Die aufeinander gestapelten „Baustellenhütten“ mit steilem Satteldach aus der autochthonen Traditionsarchitektur – überblicken dem gesamten Vitracampus und bieten 360gradige Ausblicke über die wunderschöne Hügellandschaft. Die gleichschenkeligen Frontfenster zeigen bereits von Außen die kostbaren Designstücke der Vitra Firma und wirken durch die dunkle Bitumenhaut wie Leuchtkästen oder Wunderkammern.
Nach der hier nur andeutungsweise gebotenen Übersicht traten wir – jeder mit seiner eigenen, eingerichteten „Wunderkammer“ im Kopf - die Heimreise an.
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