Wie der Zufall so spielt…
In einer der letzten Vorstandsitzungen wurde rege über die
Oberstufen-Reform diskutiert, vor allem auch darüber, ob die stärkere
Ausrichtung der Bewertung an Kompetenzen nicht zu einer Senkung des Leistungsniveaus
führe.
Am nächsten Tag wurden erste Ergebnisse der PISA-Studie bekannt, die einen
leichten Rückgang der Leistungen erkennen lassen. Ins Auge sticht dabei
vor allem das schlechtere Abschneiden im Bereich Lesen, allerdings überrascht
uns das nicht. Beobachten wir doch im Schulalltag der Mittelschule, dass diese
Grundkompetenz bei vielen Schülern immer weniger gefestigt ist. Es wäre
also höchst an der Zeit nach den Gründen dafür zu fragen:
• Ist die Leseförderung in der Schule unzureichend?
• Ist Lesen nicht eine Fertigkeit, die regelmäßiges Training
auch außerhalb des Unterrichts erfordert?
• Bleibt zu wenig Zeit für die Festigung grundlegender Kompetenzen
wie eben das Lesen angesichts der großen Fülle an Lerninhalten, die
Pflichtschüler zu bewältigen haben?
• Finden Lehrkräfte für die Einübung und Förderung
der Grundfertigkeiten überhaupt genügend Zeit? Es sind doch zunehmend
Themen/“Erziehungen“ zu erarbeiten, die früher zumindest größtenteils
außerhalb der Schule beheimatet waren. Man denke z.B. an emotionale Bildung,
Gesundheitsförderung, Leben in der Gemeinschaft und Anderes mehr.
• Wird Schule überhaupt als „Arbeitsplatz“ von Schülern
gesehen? Ein Ort, an dem bei aller Offenheit für verschiedenste Unterrichtsformen,
Projekte, Freude am Lernen usw. auch persönlicher Einsatz, Fleiß,
Leistung und manchmal eben auch eine gewisse Anstrengung erforderlich sind.
Anforderungen also, die im Berufsleben an der Tagesordnung sind, den Kindern
und Jugendlichen während ihrer Schulzeit aber heute allzu oft abgenommen
werden. Wie sollen junge Menschen üben Hindernisse zu überwinden und
Herausforderungen zu meistern, wenn diese ihnen beständig aus dem Weg geräumt
werden? Auf eine wundersame Eingebung beim Übertritt ins Berufsleben bzw.
in die Oberschule ist wohl kaum zu zählen!
• So wie sich die Arbeitswelt heute darstellt, werden die Anforderungen
im Berufsleben steigen.
Flexibilität, Einsatz, ständige Weiterbildung, Umgang mit Stresssituationen
sind nur einige davon. Ist es im Hinblick darauf wirklich zielführend Kinder
und Jugendliche stets zu „behüten“ und vor Frustrationen zu
bewahren. Ist das Hinterfragen von Misserfolgen und eine entsprechende persönliche
Reaktion darauf nicht ein wichtiger Vorbereitungsweg, um Eigenverantwortung
und Eigeninitiative zu entwickeln?
Damit keine Missverständnisse aufkommen sei klar gestellt, auch wir wünschen
uns, dass die Schule ein Ort des freudigen Lernens ist, wo Kinder und Jugendliche
unterstützt und gefördert werden. Doch darüber hinaus muss es
auch ein Ort sein dürfen, an dem junge Menschen im Rahmen ihrer Möglichkeiten
ernsthaft arbeiten und so gefordert werden, dass sie sich weiterentwickeln und
selbst Verantwortung für ihr Handeln übernehmen. Nur das macht Sinn,
wenn wir dem Anspruch „Schule muss auf das Leben vorbereiten“ gerecht
werden wollen. Direktor Christian Walcher bringt im Info vom Jänner 2011
wohl auf den Punkt, wovon viele Lehrer aufgrund ihrer Berufserfahrung überzeugt
sind, wenn er schreibt: „Ich glaube einfach nicht daran, dass immer nur
die Schule schuld ist, wenn Schüler für sie gesteckte Ziele nicht
erreichen, und ich glaube ebenso wenig daran, dass junge Menschen zu starken,
eigenverantwortlichen Persönlichkeiten werden, wenn man sie immer nur mit
Samthandschuhen anfasst. Neben einer festen Überzeugung für moderne,
kompetenz- und schülerorientierte Didaktik, halte ich es – ganz unzeitgemäß
– mit so etwas wie Einsatz, Fleiß und Leistung.“
Sollten die Ergebnisse der letzten PISA-Studie nicht Anlass genug sein, die
Entwicklung in einem breiteren gesellschaftlichen Kontext zu untersuchen und
sich nicht nur auf den Bereich Schule zu beschränken?
mal,mlm