LOB DES SITZENBLEIBENS
Juni – Ferienzeit, aber auch Zeugniszeit! Die Spannung steigt:
Wie werden die Noten ausfallen? Wird das Klassenziel erreicht, oder muss eine
„Ehrenrunde“ gedreht werden? Für die meisten Schüler und
Eltern ein Alptraum. Doch das Sitzenbleiben hat durchaus einiges für sich.
Ein Plädoyer.
Stellen Sie sich vor, Sie führen ein Team von 20 Mitarbeitern. Fünf
davon sind hochmotiviert, kreativ, leistungsstark. Zehn arbeiten ganz gut mit,
haben aber Leistungsschwankungen. Vier tun sich eher schwer, täglich motiviert
dabei zu sein, lassen sich leicht ablenken. Und einer – torpediert die
Arbeit des gesamten Teams. Deutlich zeigt er, dass er keine Lust hat, einen
Beitrag zu leisten, weder interessiert ihn die Arbeit an sich, noch fühlt
er sich kollegial verpflichtet, wenigstens die anderen unbehelligt zu lassen.
Er verbringt die Zeit damit, Ihre Autorität zu untergraben, seine mäßig
lustigen Scherze zu machen, mit Teamkollegen zu streiten oder Streiche zu spielen.
Was tun? Natürlich führen Sie Gespräche mit ihm, aber sein Verhalten
ändert sich nicht. Sie drohen ihm mit Konsequenzen, er aber lacht Ihnen
ins Gesicht. Und er hat recht: Er ist nämlich unkündbar. Oder so gut
wie. Ihn aus dem Team zu bringen ist ein schwieriger bürokratischer Vorgang,
vor dem Sie zurückschrecken. Und Ihr Vorgesetzter hat Ihnen sogar ausdrücklich
nahegelegt, kein Teammitglied auszuschließen. So müssen Sie fast
hilflos zusehen, wie der eine Kerl zunächst einmal die vier, die ohnehin
schon schwer zu motivieren sind, auf seine Seite zieht. Jetzt schalten sich
auch die zehn recht gut Motivierten ein und beklagen sich: Warum sollen sie
noch mühsam ihre Arbeit erledigen, wenn sie doch sehen, dass man auch als
Faulenzer und Bremsklotz im Team dabei sein kann, ohne deswegen Konsequenzen
fürchten zu müssen? Und zuletzt Ihre fünf Leistungsträger:
Die beschweren sich, dass mit der Arbeit nichts mehr vorangeht, dass alles stockt
und die Produktivität des Teams, aber auch des Einzelnen zusehends abnimmt.
So etwas gibt’s nicht? Kein Arbeitgeber kann daran interessiert sein,
Menschen mit so niedriger Arbeitsmoral einzustellen? Und doch ist die oben geschilderte
Situation Alltag – in unseren Schulen. Dort hat sich einiges geändert.
Lehrer laufen nicht mehr mit dem Rohrstock durch die Klassen und verbreiten
Angst und Schrecken, Schüler können nicht mehr aus willkürlichen
Launen heraus mit schlechten Noten oder Nichtversetzung „bestraft“
werden – und das ist auch gut so! Doch mittlerweile ist die Situation
gekippt: Es ist ein höchst schwieriges Unterfangen, als Lehrer überhaupt
noch negative Noten zu geben. Ich bin versucht zu sagen: So schlecht kann man
als Schüler fast nicht sein, um ein „nicht genügend“ zu
bekommen. Beispiel: Der Schüler soll einen Vortrag über ein bestimmtes
Thema halten. Am vereinbarten Termin ist er aber leider „krank“.
Beim nächsten möglichen Termin hat er seine Unterlagen „vergessen“.
Dann ist er wieder einmal „krank“ – Sie kriegen ihn wochenlang
nicht mehr zu Gesicht (das geht – z.B. bei Fächern, die nur eine
Stunde pro Woche haben!). Und jetzt sollen Sie ihn bewerten: Aber eine nicht
erbrachte Leistung dürfen Sie nicht bewerten! Kriegt er also eine fünf
für den nicht gehaltenen Vortrag? Natürlich nicht. Sie könnten
ihn über den Stoff seines Vortrages prüfen. Doch auch da bewegen Sie
sich auf dünnem Eis. Eine unangekündigte Prüfung? Womöglich
noch an einem Montag (der einzige Tag, an dem Sie diese Klasse haben)? Sieht
nicht gut aus. Sie urgieren. Irgendwann bringt Ihnen der Schüler zwei Zettel,
die ganz offenkundig aus Wikipedia kopiert sind. Der Inhalt ist aber sozusagen
„tadellos“. Ihm Plagiat vorwerfen? Das wäre! Der Junge hat
doch nur seine Medienkompetenz unter Beweis gestellt. Für ein „Genügend“
reicht das allemal. Der Kerl wird die Klasse bestehen und genau so weitermachen
wie bisher. Warum sollte er auch irgendetwas ändern? Es hat sich ja gezeigt,
dass er mit seiner zweifelhaften Arbeitshaltung auch noch erfolgreich ist!
Um das Bild zurecht zu rücken: Solche Schüler sind die Ausnahme. Die
Mehrheit ist durchaus bereit, gut mitzuarbeiten. Und es ist für diese Mehrheit,
für die ich schreibe: Sie soll nicht ständig demotiviert werden, indem
ihr täglich vor Augen geführt wird, dass sich Faulheit auszahlt. Wir
reden nicht von Schülern mit Lernschwächen. Für diese gibt es
mittlerweile eigene Programme, die individuell auf sie zugeschnitten werden,
damit sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten mitmachen können. Das Problem
sind jene, die zwar Potential mitbringen, es aber vorziehen, nichts daraus zu
machen. Als Lehrer sind wir angehalten, diese Schüler zu motivieren: Du
könntest so viel – zeig doch mal, was in dir steckt! Doch das allein
reicht oft nicht. Oft hilft nur noch die Notbremse: Du bewegst dich in eine
Sackgasse! Du musst dringend deine Haltung ändern, deine Lücken werden
sonst zu groß, du verlierst den Anschluss! Oder in manchen Fällen
auch: Dieser Schultyp ist nicht der richtige für dich. Deine Talente liegen
anderswo. Wenn du dich anders orientierst, könntest du viel zufriedener
sein. Wie aber soll diese Notbremse gezogen werden? Die Eltern wollen keinen
Sitzenbleiber. Auch der Staat will keine Sitzenbleiber. Sitzenbleiber kosten
Geld. Gebt ihm doch den Abschluss, und gut ist! Mit einer solchen Haltung wird
der erfolgreiche Schulabschluss ad absurdum geführt. Mittelschulabgänger,
die kaum Lesen, Schreiben, Rechnen oder Italienisch können, sind längst
keine Seltenheit mehr. An den Oberschulen stöhnt man jedes Jahr wieder
über die Kohorten von Erstklässlern, denen die einfachsten Grundlagen
fehlen. Auch wirtschaftlich wirkt sich das aus: In vielen Betrieben klagt man
über Lehrlinge, denen eine gute Einstellung zu Arbeit und Leistung fehlt.
Nun, woher hätten sie eine solche Einstellung auch bekommen sollen?
Es wird Zeit, einfache Wahrheiten auszusprechen: Schlechte Noten sind kein Zeichen
dafür, dass jemand ein schlechter Mensch ist – sie zeigen nur, dass
eine Leistung noch nicht stimmt. Schlechte Noten können sogar motivierend
wirken, wenn die Botschaft verstanden wird: Achtung, das ist zu wenig! Versuch,
dich mehr anzustrengen. Ich habe mehr als einmal erlebt, dass Schüler am
Anfang des Schuljahres mit einer sehr schlechten Note gestartet sind und sich
gesagt haben: Das kann ich besser! Und sogar das Sitzenbleiben war schon häufig
das notwendige Signal, das ein Schüler gebraucht hat, um einzusehen: So
kann es nicht weitergehen. Ich muss etwas ändern.
Und ich behaupte noch mehr: Der Mut zur schlechten Note, der Mut zum Sitzenbleibenlassen
ist letztlich auch ein Zeichen von Respekt gegenüber dem Schüler.
Es bedeutet nämlich: Du bist mir nicht egal. Dein Vorankommen liegt mir
am Herzen. Ich sehe, dass da mehr in dir steckt, und ich bin entschlossen, es
mit dir gemeinsam herauszuholen. Ich will dich nicht einfach nur „loswerden“.
Lehrer, die jedem Schüler gleich ein „Genügend“ geben,
um keine Scherereien zu bekommen, machen es sich leicht, und dass sie dazu ermutigt
werden, die Latte immer tiefer anzulegen, ist eine traurige Entwicklung.
Freilich wird immer wieder darauf verwiesen, dass die Durchfallquote an Südtirols
Schulen im internationalen Vergleich immer noch zu hoch sei. Da muss man sich
doch fragen, was etwa die Schweizer, Österreicher, die Deutschen anders
machen, damit ihre Schüler weniger häufig sitzenbleiben. Es gibt eine
Antwort: In diesen Ländern wird bereits unter Zehnjährigen gnadenlos
aussortiert. Mit anspruchsvollen Aufnahmeverfahren wird entschieden, wer etwa
eine Gymnasiallaufbahn einschlagen darf, wer eine Haupt-, wer eine Realschule
besuchen muss. Der Schultyp, der über die Kinder „verhängt“
wird, wird ihre weitere Karriere bestimmen. Hier in Südtirol ist es bekanntlich
anders: Hier wählt jeder Schüler nach der Pflichtschule nach eigenem
Wunsch, wohin er sich orientieren will. Dass da mancher auch „danebengreift“,
liegt auf der Hand. Natürlich kommt es dadurch nicht selten schon während
des Schuljahres zu Umorientierungen, aber eben auch zum Sitzenbleiben, das manche
denn auch zum Schulwechsel nutzen. Das mag man als Ärgernis empfinden.
Sinnvoller, als jemanden von Klasse zu Klasse bis zur Matura mitzuziehen und
ihn mit einem Zeugnis zu entlassen, das wenn, dann ein Armutszeugnis für
die Schule ist, ist es allemal.
Denn so sehr es auch stimmen mag, dass Sitzenbleiber unsere Staatskassen belasten:
Menschen, die die Erfahrung gemacht haben, dass schon die minimalste „Leistung“
fürs Weiterkommen genügt, kommen uns als Gesellschaft deutlich teurer
zu stehen.
Selma Mahlknecht
Juni-Beitrag für die swz 2011